Oktoberfest
Tipps Für Den Wiesn-Zustand
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Events | München

Es beginnt stets in etwa mit dem Ende des Sommers. Vielleicht sammeln sich noch ein paar klebrige Erinnerungen an Eis am Stiel und so hastig wie unschuldig hinuntergestürzte „Kracherl“ (Limonade, also) an den Straßenecken rund um den Hauptbahnhof. Da sind die Münchner Tage noch ein träge-mondänes Blinzeln in die Altweiber-Sonne. Aber täuschen lassen sollte man sich nicht.

Denn der Virus manifestiert sich schon. Er kommt mit einer unterschwelligen, leicht fiebrigen Unruhe über den Dächern und an den Taxiständen. Mit Süßkram-Buden. Mit weiß-blau-gerauteten Wimpelketten und Sonderangeboten in den Schaufenstern. Und dann, zack, pünktlich zum Wochenende, bricht der deliriöse Notstand aus: Er kommt mit Blaskapellen, Brauereipferden und einem Wall aus menschenabweisenden Gittern um die Innenstadt. Mit einem Schwarm kopfloser Unterschlupfsuchender. You will know it by the trail of drunks: Es ist Wiesn. Oktoberfest.

Vier satte Jahre lang habe ich in einem Hinterhofmietshaus unweit des Bahnhofs gewohnt. Im Auge des Wiesn-Sturms. Weitere vier an anderen Orten in der Stadt, im Norden und Südosten. Und wenn ich mit dieser mühsam erlebten Autorität einen Ratschlag an alle Zwangs- und Wahlmünchner in den folgenden zwei Wochen geben darf: Das Oktoberfest ist wie ein guter Schnupfen. Man kann Medikamente nehmen und verzweifelt schnäuzen, oder gottergeben mitmachen – es dauert immer gute 14 Tage und lässt sich nicht ignorieren. Es ist die Hintergrundmelodie für alles, was jetzt passiert. Also macht das Beste daraus. Trinkt den passenden Hustensaft. Oder macht es euch leise leidend mit dem richtigen Soundtrack bequem, der das Brausen in den Ohren schöner klingen lässt.

Vielleicht sind ein paar Tipps angebracht. Denn es gibt Dinge, die das Leben mit dem Fest erleichtern – oder zusätzlich versüßen. Orte, deren Besuch ratsam ist.

Orte für das Fest:

Es gibt diese Menschen, die können so einen Schnupfen zelebrieren. Bitteschön – legitime Wahl! Wer nun aber auf das Oktoberfest geht, dem seien zwei Dinge geraten: Trinkt vorab ein, zwei Bier. Kampftrinkern schont das den Geldbeutel. Den anderen erleichtert es den zermürbend zähen Weg zum Bierzelt. Und dann gibt es neben dem Hacker-Zelt – in dem am ausgelassensten gefeiert wird – noch einen zweiten Place-to-Be: Die „Oide Wiesn“. Hier ist es ein wenig ruhiger, weniger aufgedreht. Ihr mögt euer Fest? Dann solltet ihr wissen, wie es früher einmal war.

Ein weiterer, leider nur schwer zu realisierender, Super-Tipp sind die Dächer der Häuser auf der Schwanthaler Höhe. Keine 500 Meter von der Wiesn sind es bis in dieses noch recht münchnerische Viertel. Ende September sind die Blechdächer noch warm. Und das Riesenrad dreht sich von hier aus betrachtet zwar nicht still, aber doch leise in einer Schneekugel aus Kreischen, gedämpfter Blasmusik und dem Geruch von gebrannten Mandeln (der nun überall ist). Ihr habt entfernte Bekannte oder Bierzeltkumpanen mit einer (temporären) Behausung auf der Schwanthaler Höhe? Lasst nicht locker, bombardiert sie mit Bitten und entert den Dachboden. Es lohnt sich. Aber trinkt vor dem Aufstieg nicht zuviel!

Wer öffentlich weiterfeiern will, aber nicht an der belagerten Club-Bar verdursten oder in einer Disco-Ecke festgedrückt werde, der muss aus der Innenstadt weg. Sucht nicht, es ist zwecklos.

Ein Tipp ist nun ein Viertel, das wahrlich nicht mehr „Innenstadt“ ist, aber kaum fünf Minuten mit der U-Bahn entfernt liegt: Obergiesing. Als U-Bahn-Ausstiege bieten sich die Silberhornstraße oder der Wettersteinplatz an. Dazwischen erstreckt sich ein – immerhin – nicht so furchtbar überlaufenes, und recht untouristisches Areal. Mit reichlich Kneipen! Oder besser: Boazn. Die jeweils geeignete dieser Münchner Trunkstätten sollte jeder selbst für sich finden. Aber es gibt an der Tegernseer Landstraße und in den östlichen Seitenstraßen reichlich Auswahl. Südlich des stets in stiller Nostalgie versunkenen Grünwalder Stadions wird es noch ruhiger; ein paar Kneipen gibt es trotzdem. Auch hier ist noch München. Und: Hier ist immer noch fast echtes München.

Wer zu Fuß unterwegs ist, und es nicht ganz so weit schafft, sollte aus dem Glockenbachviertel gen Süden streben. Rund um die Fraunhoferstraße ist es zu voll. Richtung Karl-Heinrich-Ulrich-Platz (wo die Straße Am Glockenbach einen Knick macht) wird es ruhiger. Hier verstecken sich ein paar Kneipen-Kleinode: Der feine, unglamouröse Rennsalon. 200 weitere Meter gen Südwesten in der Thalkirchner Straße die Südstadt. Musikaffine Orte, die auch im Wiesn-Hype nicht zur Mainstream-Disco werden. Und vielleicht ist an der Wittelsbacher Brücke sogar ein Platz an den Steinstufen am Isar-Ufer frei.

Wenn dann doch einmal alles zuviel wird, aber der Abend gediegen austrudeln soll, ist guter Rat teuer. Überall ist jetzt Krawall und Remmidemmi. Selbst in den Parks der Stadt. Ein guter, nur mäßig aufwändig zu erreichender Fluchtpunkt liegt an der Südgrenze der Stadt: Die Großhesseloher Brücke. Hierhin fährt erst die S-Bahn und später die ganze Nacht stündlich die Nachttram 27. Dieser Ort hat alles für ein ruhiges Bier mit Freunden: Unten fließt (nach einem Spaziergang durch den Wald) die Isar. Eine Kiesbank macht den perfekten Platz zum Niederlassen. Oben auf der Brücke fährt die Bahn – und darunter gibt es einen Fußgänger-Steg, von dem aus sich die Stadt überblicken lässt. Die Biere für den Ausflug solltet ihr aber mitnehmen: Der Kiosk am Westufer des Flusses schließt früh.

Titelfoto: digital cat (flickr / Creative Commons)
Weitere Fotos von Thomas Sausende, Jimmy Baikovicius (flickr / Creative Commons)

Autor
Florian Naumann
Veröffentlicht am: 17. September 2014 von: Florian Naumann
FLORIAN IS A WRITER AND MUSIC LOVER BASED IN MUNICH. HE WRITES FOR SUBSISTENCE AND THE DISCOVERIES. HE BELIEVES: IF THERE IS ONE THING FOR SURE, THEN THE FACT THAT ONE CAN FIND BEAUTIFUL LITTLE CORNERS ALL OVER MATM. AND IF NOT, HE CREATES THEM HIMSELF, HERE AND THERE.
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